Die Altungarische Schrift (Rovásschrift) auf dem Ortsschild des Dorfes Dunakiliti.

Das war eine jener Autofahrten, bei denen man zunächst Wien auf einer seiner Ausfallstraßen verlassen muss, etwa drei Viertelstunden lang über eine solche Verkehrsader jagend, um sie dann hinter sich zu lassen und gemächlich weiter in Richtung jener Städte und Dörfer zu fahren, die abseits der Schnellstraßen liegen. Nachdem ich auf diese Weise Abschnitte in Niederösterreich, im Burgenland sowie in den Bratislavaer Stadtteilen Jarovce und Rusovce durchquert hatte und mich bereits im ungarischen Komitat Győr-Moson-Sopron befand – unter anderem mit der Durchfahrt durch Rajka – erreichte ich die Grenzen des Dorfes Dunakiliti. Dort hielt ich an und stieg aus dem Auto, um mir ein rätselhaftes Ortsschild näher anzusehen [1]. Erst später konnte ich feststellen, dass ich auf die Rovás-Schrift (Altungarische Schrift; ung. rovásírás) blickte.

Ortsschilder von Dunakiliti

Mein eigentliches Ziel war das auf dem Gebiet von Dunakiliti gelegene Csebi-Pogány-Palast. Doch das hölzerne Ortsschild fesselte mich besonders, da mir seine Inschrift zu der Zeit mit keinem bekannten Alphabet in Verbindung zu bringen war. Beim Vergleich mit dem Ortsnamen auf dem danebenstehenden Standardschild erkannte ich eine gewisse Regelmäßigkeit: Dort, wo auf dem Holzschild links dreimal ein Zeichen erschien, das dem polnischen „ł“ ähnelte, stand auf dem gewöhnlichen Schild rechts im Ortsnamen ebenso dreimal der Vokal „i“. Sollte diese geheimnisvolle Schrift also von rechts nach links gelesen werden?

Rovás-Schrift

Wie ich nach meiner Rückkehr dank dem Besuch in der Internet‑Bibliothek des Selbstudiums und der Hilfe der Kühnen Intervention (KI) feststellen konnte, wurde dieses runenartige Alphabet besonders bis zum Jahr 1000 n. Chr. von den ungarischen Stämmen verwendet – in jenem Jahr, als Stephan I. zum ersten gekrönten König Ungarns wurde und bald darauf das lateinische Alphabet einführte.

Das Rovás-Alphabet bestand ebenfalls aus Zeichen, die Lauten zugeordnet waren. Manche Buchstaben wurden verbunden und bildeten sogenannte Ligaturen.  Wörter wurden durch drei senkrechte Punkte getrennt, und Großbuchstaben verwendete man nur – und auch das nicht immer – bei Eigennamen. Tatsächlich schrieb und las man Rovás-Schrift von rechts nach links, gelegentlich sogar im Boustrophedon-Stil, das heißt: die erste Zeile von rechts, die nächste von links – und so fort im Wechsel.

Rovás-Schrift überdauerte bis ins 19. Jahrhundert in Siebenbürgen. Heute ist es Gegenstand der Forschung von Historikern, Linguisten, Kulturorganisationen und Vereinen von Liebhabern des rovásírás. Die Ortsschilder von Dunakiliti, von denen ich zwei in dieser Schrift entdecken konnte, wurden vermutlich auf Initiative der lokalen Selbstverwaltung aufgestellt – ein Ausdruck des heutigen Interesses an diesem mittelalterlichen Alphabet, das das Glück hatte, im Gedächtnis zu überleben und sogar entziffert werden zu können.

Externer Link

  1. [↑] Google Street View mit Blick auf das Ortsschild von Dunakiliti, dessen Name im Rovás-Alphabet geschrieben ist.

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Veröffentlicht im: 2025/09Aktualisiert im: 2025/11.Kategorien: Komitat Győr-Moson-SopronSchlüsselwörter: , .Anzahl der Wörter: 463.Lesezeit in Minuten: 2,3.Aufrufe heute: 1.Aufrufe insgesamt: 248.