Am Wind und im Raumwind

Am Wind und im Raumwind

Wegen eines regelrechten Arbeitstaumels habe ich es dieses Jahr versäumt, meinen Urlaub rechtzeitig zu planen. Am Freitag, dem letzten Tag meiner beruflichen Anstrengungen vor einer mit dem Arbeitgeber vereinbarten 16-tägigen Auszeit, hatte ich noch nicht einmal eine Idee, wohin ich fahren sollte – geschweige denn irgendwelche Vorbereitungen getroffen. Die Preise für Hotels – jene, die noch freie Zimmer hatten und große Hunde akzeptierten – verursachten bei mir leichte Atemnot, besonders in jener eindeutig ungünstigen Sitzhaltung, in der ich beim Durchstöbern der Angebote verharrte. Die zu erwartende Augusthitze schloss meinen Lajf praktisch von einer gemeinsamen Autofahrt aus, da er hohe Temperaturen schlichtweg nicht erträgt. Am nächsten Morgen, einem Samstag, kehrte ich daher zu dem Gedanken zurück, den Urlaub diesmal anders zu verbringen – nämlich mit Kursen in einer nahegelegenen Segelschule [1] .

Grundkurs

Mein Wissen über die Seefahrt beschränkte sich bislang auf beiläufige Informationen, die ich über Jahre hinweg beim leidenschaftlichen Lesen über große geografische Entdeckungen – sowohl antike als auch renaissancezeitliche – aufgeschnappt hatte. Vom Segeln selbst wusste ich hingegen praktisch nichts. Umso mehr freute ich mich über die Möglichkeit, zwei Wochen in einer Segelschule am Neusiedler See – gelegen an der Grenze zwischen dem österreichischen Burgenland und dem ungarischen Komitat Győr-Moson-Sopron, nur 45 Autominuten von meinem Zuhause entfernt – zu verbringen und dort die Grundlagen der Bedienung eines Segelboots kennenzulernen, sowohl theoretisch als auch, natürlich, praktisch.

Schon am ersten Tag hatte ich die freudige Gelegenheit, ein Einmast-Zweisegelboot vom Typ Slup (dt. Jolle) zu steuern. In den ersten fünf Tagen lernte ich unter anderem die Windrichtungen, Bootsmanöver und den Aufbau eines Segelboots kennen. Mein Wissen war selbstverständlich oberflächlich und meine Erfahrung sehr bescheiden, doch ich merkte schnell, dass ich hier am Ufer eines Meeres von Möglichkeiten stand – oder besser gesagt: eines Ozeans voller Eindrücke. Denn das Segeln hat eine jahrtausendealte Tradition, und seine Regeln zu erlernen ist eine atemberaubende Reise – diesmal allerdings nicht wegen einer starren Sitzhaltung, sondern ganz im Gegenteil: wegen der körperlichen Anstrengung, die nötig ist, um das Boot angesichts wechselnder Windstärken und -richtungen zu beherrschen. Das verlangt ständige Bewegung an Deck.

Aufbaukurs (BFA-Binnen)

Wie geplant verbrachte ich die zweite Woche damit, mein Wissen zu vertiefen und grundlegende Manöver zu wiederholen: das Ablegen vom Steg, das Wenden, das Aufnehmen eines über Bord gegangenen Gegenstands und die Rückkehr zum Steg. Dank eines klug geschriebenen Lehrbuchs [2], dessen Autor zufällig auch meinen Grundkurs leitete, fühlte ich mich sicher und machte Fortschritte bei der Nutzung einer mobilen App zur Prüfungsvorbereitung. Kurz dachte ich sogar daran, parallel in meiner Muttersprache – Polnisch – zu lernen. Doch ich verwarf diesen Gedanken schnell, als ich erkannte, wie verwirrend die Vermischung von Fachbegriffen sein kann. Hier zwei Beispiele:

  • Die Wende gegen Wind (vom Am-Wind- zum Am-Wind-Kurs) – sagen wir von 10:30 Uhr auf 13:30 Uhr – heißt auf Deutsch schlicht „Wende“. Ein ähnliches Manöver mit dem Wind (Raumwind-Kurs) – etwa von 16:30 Uhr auf 19:30 Uhr – nennt sich „Halse“. Im Polnischen ist es jedoch genau umgekehrt! Eine Serie von Wendungen gegen den Wind heißt dort „halsowanie“, während die deutsche „Halse“ dem polnischen „zwrot przez rufę“ entspricht, wobei zwrot Wende heißt;
  • Ebenso amüsant finde ich den Begriff „Backstag“ – das Tau, das den oberen Teil des Masts mit dem Heck verbindet. In seiner polnisierten Form „Baksztag“ bezeichnet es jedoch eine Windrichtung.

Prüfung

Je näher der Freitag der zweiten Kurswoche rückte – jener Tag, an dem die Prüfung am späten Nachmittag stattfinden sollte – desto intensiver lernte ich mit dem Lehrbuch und der App sowie übte brav das Knüpfen von Segelknoten. Ich nutzte auch die Stunden auf dem Neusiedler See, um die Manöver immer wieder zu wiederholen, bis ich endlich das Gefühl hatte, das Boot unter Kontrolle zu haben. Das war besonders wichtig angesichts eines Wetterphänomens, das auf Deutsch „Bö“ heißt – ein plötzlicher Windstoß, der ein Boot sogar zum Kentern (das Boot kippt um) bringen kann, wenn es von einem unerfahrenen Segler gesteuert wird.

Zu meinem Entsetzen war der Prüfungstag genau so windig, dass der Prüfer vom Österreichischen Segel-Verband (OeSV [3]) offenbar sogar eine Verschiebung in Erwägung zog. Glücklicherweise konnte ich bald doch antreten. Nach 18:00 Uhr bewegte sich der Wind nämlich im erlaubten Bereich zwischen 4 und 20 Knoten [4] (ca. 7,4 bis 37 km/h). Nach erfolgreicher Durchführung der gestellten Aufgaben und bestandener Theorieprüfung erhielt ich noch am selben Abend mein Segelzertifikat. (Es handelt sich dabei nicht um ein staatlich ausgestelltes Dokument. Dennoch wird dieses Zertifikat in Österreich und vielen anderen Ländern als Grundlage für das Ausleihen oder Versichern eines Bootes anerkannt.)

Erkenntnisse

Für mich als Computertechniker war die aktiv verbrachte Zeit in der Segelschule weit mehr als nur ein außergewöhnlicher Urlaub. Am wertvollsten war für mich die Öffnung meines Denkens für eine mir bislang unbekannte Sichtweise. Es geht um den Kontrast zwischen der durch moderne Technik vorgegebenen Strukturiertheit – etwa in der Anordnung von Desktop‑Symbolen oder im binären Code aus Null und Eins – und der natürlichen Vielfalt sowie einer gewissen Freiheit, die ich auf meinem aktuellen Entwicklungsstand eher intuitiv wahrnehme, als dass ich sie präzise beschreiben könnte.

Ein Vergleich mag helfen – das Segeln im Kontrast zum Autofahren, das den meisten Leserinnen und Lesern wohl vertrauter ist:

  • Ein Auto bewegt sich auf einer vorgegebenen, schmalen Fahrspur. Der Fahrer fährt oft dicht an anderen Fahrzeugen vorbei, besonders in der Stadt. Verkehrszeichen – horizontal, vertikal und in Form von Ampeln – regeln den Verkehr. Der mit Treibstoff betriebene Wagen hat Bremsen.
  • Ein Segelboot kennt all* das nicht.

Als Autofahrer – und auch als Systemadministrator – scheint man Herr der Lage zu sein: Man kann ein anderthalb Tonnen schweres Fahrzeug relativ schnell und einfach stoppen oder ein Skript auf einem Gerät ausführen – eine Art kleines Computerprogramm, das genau das tut, wofür es geschrieben wurde. An Bord eines Segelboots bin ich jedoch nur ein empfindliches Wesen, abhängig von der Stärke und Richtung des Windes. Und der weht, wann und wo er will.

* Es gibt zwar Elemente, die mit Straßenverkehrszeichen vergleichbar sind – horizontale (z. B. Bojen), vertikale (z. B. Tafeln) sowie Lichtzeichen (z. B. Erkennungs- und Positionslichter) – aber ein Segelboot hat mit ihnen relativ selten zu tun.

Externe Links

  1. [↑] boats2sail.com
  2. [↑] Grimm, Michael; Hampl, Anton. BFA Guide. Der Weg zum Befähigungsausweis Binnen (A-Schein). Wien: Mehrwasser GmbH, 2022.
  3. [↑] segelverband.at
  4. [↑] PDF 0,8 MB: Die Prüfungsordnung für Prüfungen zum Erwerb von Bfa-Binnen & JRL zur Führung von Segelfahrzeugen. S. 7.

Meta

Veröffentlicht im: 2025/08Zuletzt aktualisiert im: 2026/01Kategorien: Bezirk Neusiedl am SeeSchlüsselwörter: , Anzahl der Wörter: 1086Lesezeit in Minuten: 5,4Aufrufe heute: 2Aufrufe insgesamt: 404