Ansicht vom Autobrücke der Pottendorfer Straße auf den Wiener Neustädter Kanal Richtung Süden.

Im Mai dieses Jahres fiel mir eine Anzeige in der elektronischen Ausgabe einer lokalen Zeitung [1] ins Auge. Sie kündigte eine kulturelle Veranstaltung in Form eines Figurentheaters sowie eines Vortrags an, deren Thema der Wiener Neustädter Kanal sein sollte. Das Treffen war für den 26. Mai um 18:30 Uhr im repräsentativen Festsaal des Amtshauses des Wiener Bezirks Simmering geplant. Eintritt frei! – hieß es.

Figurentheater

Das Figurentheater entpuppte sich während der besagten Aufführung als mir bislang unbekannte Form der Theaterkunst, bei der sowohl der Puppenspieler – in der Rolle zahlreicher historischer Persönlichkeiten rund um den Wiener Neustädter Kanal – als auch seine Handpuppe, ein übergroßes Schwein (?), die Hauptfiguren waren. Zugegeben: Die Bedeutung dieses recht abstrakten Elements entging mir leider. Jedenfalls wusste ich bald, dass es um eine Wasserstraße aus dem 19. Jahrhundert ging, die Wiener Neustadt mit Wien verband. Mit dem Bau und Betrieb waren verschiedene lokale Größen verbunden, insbesondere Kaiser Franz II. von Österreich.

Ich konnte mich jedoch zunächst kaum auf die Details konzentrieren, denn die Ausdruckskraft des Puppenspielers sowie die originellen Requisiten und Bühnenbilder sorgten immer wieder für herzhaftes Gelächter im Saal – auch ich war fröhlich beteiligt. Ein Beispiel: Um das fließende Wasser des Kanals zu veranschaulichen, erhielten alle Anwesenden eine Rolle Toilettenpapier, die sie auf ein Zeichen hin sanft auf und ab wiegen sollten – als Nachahmung sanfter Wellen.

Thematischer Vortrag

Nach dem Figurentheater folgte ein Vortrag eines Experten, der mithilfe einer Präsentation auf Großbildleinwand sowohl sprachlich als auch visuell erklärte, dass Wiener Neustadt (etwa 46 Kilometer südlich von Wien gelegen) durch einen über 60 Kilometer langen Kanal mit der Hauptstadt verbunden wurde – gewunden, also länger als die Luftlinie. Diese Wasserstraße wurde 1803 in Betrieb genommen und endete dort, wo sich heute das große Einkaufszentrum und Verkehrsknotenpunkt Wien Mitte befindet.

In meinen während des Vortrags angefertigten Notizen fanden sich unter anderem folgende Informationen zu dieser bemerkenswerten Initiative:

  • Ziel des Kanalbaus war die Versorgung Wiens mit Ziegeln, Braunkohle und Holz, um den steigenden Bedarf der Hauptstadt zu decken;
  • Der angrenzende Wienerwald stand unter Schutz, weshalb Holz aus dem Rax-Gebiet herangeschafft werden musste;
  • Der Kanal war in seinem Hauptlauf kaum breiter als die darauf fahrenden Treidelkähne mit den Maßen ca. 2 x 23 Meter und einem Ladegewicht von zunächst 23, später 30 Tonnen.;
  • Ein Pferd zog den Lastkahn, begleitet von einem Menschen, mit einer Geschwindigkeit von etwa 4 km/h;
  • Die Besatzung bestand aus zwei Personen. Ihre Aufgabe war es, den Kurs zu halten, um ein Verklemmen im engen Kanal zu vermeiden, scharfe Kurven korrekt zu nehmen und Schleusen zu passieren. Dazu stieß die erste Person am Bug den Treidelkahn regelmäßig mit einem langen Stock vom Ufer ab, während die zweite am Heck das Steuer hielt;
  • Der Wiener Neustädter Kanal war Bestandteil einer scherzhaften, alternativen Bezeichnung der österreichisch-ungarischen Monarchie (informell k. u. k.-Monarchie): Kohle & Kanal-Monarchie.

Ein zusätzliches Highlight des Vortrags war die kommentierte Computerpräsentation mit Luftbildern, die den Verlauf des Kanals von Wien Mitte bis zum Bezirk Simmering sowie die heute noch sichtbaren topografischen Spuren – also die Geländeform – erläuterte.

Asymmetrie der Entscheidung

Nach dem Ende des zweiten und letzten Teils der Veranstaltung hatte ich bereits dieses angenehme Rauschen im Kopf, das entsteht, wenn ich in meiner Umgebung ein außergewöhnliches Thema entdecke, das eine faszinierende gedankliche Reise in Raum und Zeit ermöglicht. Ach, hätte ich doch das Buch des Vortragenden [2] gekauft, das auf einem kleinen Tisch für 21,90 EUR auslag! Leider verhielt ich mich wie Harpagon in Molières „Der Geizige“ – was ich bereue und bei einem Besuch im Bezirksmuseum Simmering [3] wiedergutmachen möchte.

Nach eingehender Überlegung über das Phänomen meiner Kaufverweigerung – obwohl mich das Buch sehr interessierte und der Preis durchaus angemessen war – kam ich zu dem Schluss, dass ich eine Art psychologische Asymmetrie in der Kaufentscheidung erlebt hatte. Hätte man mir für je 10 EUR den Besuch des Figurentheaters und des Vortrags angeboten, hätte ich ohne Zögern zugesagt, denn ich wollte beide kulturellen Ereignisse genießen. Und wenn ich am Ende noch ein Buch im Wert von 20 EUR gratis erhalten hätte – ich wäre zufrieden gewesen. Warum also gab ich diese zwei Zehner nicht aus?

Möglicherweise war es eine Kombination folgender Elemente:

  • Mentale Buchführung (mental accounting [4]): Im ersten Fall ist das Buch eine Ausgabe, im zweiten eine Belohnung.
  • Verlust und Gewinn (loss aversion [5]): Ich wollte lieber sicher eine Ausgabe vermeiden, als etwas gewinnen.

Dank der Analyse in häuslicher Ruhe konnte ich mich zumindest oberflächlich mit Aspekten der sogenannten Verhaltensökonomie vertraut machen und erkennen, dass der freie Eintritt eine gute Form der Motivation war, um das Theater und den Vortrag zu besuchen. Der Kauf des Buches wäre meinerseits ein angemessener Ausdruck der Wertschätzung gewesen – ganz zu schweigen vom persönlichen Nutzen der Lektüre. Vielleicht fühlte ich mich auch kurzfristig überfordert von der Aussicht, ein weiteres Buch zu erwerben – angesichts ihrer Vielzahl, leichten Verfügbarkeit und der Möglichkeit, Lektüre auch kostenlos zu erhalten bzw. gegen anderen zu eintauschen.

Am Kanal

Sechs Tage später, bei einem Besuch in Wiener Neustadt, freute ich mich zu sehen, dass ein Teil des Kanals noch existiert – auch wenn er nicht mehr befahren wird.

An einem Abschnitt des Kanals entdeckte ich auch eines seiner Aquädukte, auf dem folgenden Foto über der Warmen Fischa. Das bedeutet, dass er auch andere Wasserwege überquerte.

Die Atmosphäre der Umgebung empfand ich als ruhig und friedlich – ergänzt durch den Anblick von Stadtbewohnern, die gemächlich am Kanal entlang spazierten, ihren Hunden, die neue Gerüche suchten, und Enten, die sorglos auf der ruhigen Wasseroberfläche trieben.

Quellen im Internet

Nach meiner Rückkehr wollte ich im Internet mehr über den Wiener Neustädter Kanal erfahren und stellte mir eine kurze Liste deutschsprachiger Quellen zusammen:

– denn das Thema ist nicht nur international wenig bekannt, sondern auch vielen Wienern kaum geläufig, wie ich bei Gesprächen mit Bekannten feststellen konnte. Durch die Lektüre entdeckte ich einige Kunstwerke im öffentlichen Raum Wiens, die auf die Geschichte des Kanals Bezug nehmen.

Kunstwerke

Knapp fünf Wochen später nutzte ich das außergewöhnlich schöne Wetter eines Sonntagnachmittags, um zwei solcher Orte aufzusuchen, an denen Mosaike an den Fassaden von Gebäuden auf den Wiener Neustädter Kanal verweisen.

Aspangstraße 15, 1030 Wien – Mosaik von Hans Fischer (1892–1973), österreichischer Künstler mit Bezug zu Wien.

Die auf dem Foto sichtbaren charakteristischen Kleidungsstücke des dreiköpfigen Teams, das mit dem Materialtransport per Treidelkahn beschäftigt war – breitkrempige Hüte als Schutz vor Sonne und Regen, hohe Stiefel für die Arbeit in Wassernähe sowie weiße Hosen und Jacken mit bunten Westen – erschienen mir als mehr als nur Arbeitskleidung. Vielleicht kennzeichneten sie diese Berufsgruppe oder eine ethnische Minderheit, die besonders mit dieser Tätigkeit verbunden war. Ich erkannte auch eine gewisse Ähnlichkeit mit der Kleidung von Flößern.

Der erste von links, von zwei regelmäßig gestapelten Ladungen auf dem Kahn, stellte eindeutig Ziegel dar – ein Baumaterial mit regelmäßiger Form und roter Farbe. Könnte die rechte Ladung Holz darstellen?

Der Künstler platzierte auf dem Mosaik auch die Dampflokomotive EWA IIa der privaten Gesellschaft Eisenbahn Wien-Aspang, gegründet im Jahr 1880. Mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes wurde der Transport per Pferdekahn ineffizient und unrentabel. Der ehemalige Wiener Hafen des Kanals wurde 1867 in eine Eisbahn umgewandelt.

Hafengasse 3 / Klimschgasse 27, 1030 Wiedeń – Mosaik mit der Inschrift „1803 Hafen des Wiener Neustädter Kanals 1867“.

Das Relief zeigt Reiter und Treidelkähne auf dem Kanal zwischen den Panoramen von Wiener Neustadt und Wien sowie die Inschrift am unteren Rand: „1803 Hafen des Wiener Neustädter Kanals 1867“. Es überraschte mich, dass die zweiköpfige Besatzung der Schiffe nicht dargestellt wurde und der Eindruck entstand, die Pferde seien geritten und nicht geführt worden. Oder sind hier alle drei Mitglieder des Teams auf dem Rückweg gezeigt worden– bereits ohne Ladung? Doch woher hätten sie zwei zusätzliche Pferde bekommen sollen?

Wiener Bezirksmuseen

Eine kurze Anzeige in der Lokalzeitung hatte mich dazu motiviert, das Puppentheater und den Vortrag zu besuchen. Dadurch lernte ich meine Umgebung besser kennen – zum Beispiel erfuhr ich, woher die Straßenbezeichnung Am Kanal [6] stammt. Im Internet fand ich ausführliche Beschreibungen zum Bau und zur Funktion dieser außergewöhnlichen Wasserstraße, und meine fotografischen Ausflüge nach Wiener Neustadt sowie in den Wiener Bezirk Landstraße führten zu Bildern, durch die diese Geschichte des 19. Jahrhunderts wieder lebendig werden kann.

Ich denke auch, dass es eine gute Idee wäre, nach und nach die Wiener Bezirksmuseen [7] zu besuchen, wo sich begeisterte Kenner gerne über die Geschichte ihrer Umgebung austauschen. Bei einem Museum pro Quartal wären alle nur in sechs Jahren besichtigt.

Auf dem Titelbild: Blick von der Straßenbrücke Pottendorfer Straße auf den Wiener Neustädter Kanal in südlicher Richtung. 

  1. [↑] meinbezirk.at/simmering
  2. [↑] Hradecky, Johannes; Chmelar, Werner. Wiener Neustädter Kanal. Vom Transportweg zum Industriedenkmal. Wien Archäologisch 11. Wien: Phoibos Verlag , 2014
  3. [↑] Externer Link: bezirksmuseum.at
  4. [↑] Schöpfer des Begriffs: Richard H. Thaler. Quelle: Mental Accounting Matters – Thaler, 1999.
  5. [↑] Schöpfer des Begriffs: Daniel Kahneman i Amos Tversky. Quelle: Prospect Theory – Kahneman & Tversky, 1979.
  6. [↑] Externer Link: geschichtewiki.wien.gv.at
  7. [↑] Externer Link: bezirksmuseum.at/de

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Veröffentlicht im: 2025/07Aktualisiert im: 2026/02.Kategorien: Wiener NeustadtSchlüsselwörter: .Anzahl der Wörter: 1557.Lesezeit in Minuten: 7,8.Aufrufe heute: 3.Aufrufe insgesamt: 280.