Die Soft- und Hard-Skills eines Kunstglasbläsers am Beispiel der Arbeit an einem „Oktopusarm“ aus Glas

Wahrlich war es ein spannendes Erlebnis, das von dem Kuchlerhaus zu den Internationalen Glastagen eingeladene Team von Kunstglasbläsern u.a. aus Österreich, Schweden und den USA am Sonntagvormittag den 13. November 2022 im Zentrum der Glaskunst – Empire Of Glass bei der Arbeit am Arm eines „Oktopuses“ beobachten zu können. Ich stand zwar aufgrund der Zuschauermenge und meinem um 10 Minuten verspäteten Ankommen außerhalb der Werkstatt – getrennt von dieser durch eine Glaswand, trotzdem konnte ich dank einer Camera mit großem Zoom sogar die Details des zu formierenden Glasobjektes bewundern. Auch ein paar Aufnahmen sind mir gelungen, die ich später in einem Bildbearbeitungsprogramm noch leicht korrigiert habe, durchs Zuschneiden, Beleuchten und Filtern. Vor dem Bildschirm sitzend und die Photos dann in Ruhe anschauend, kam ich plötzlich zum Gedanken, dass bei mir nicht so tief das gefertigte Glasobjekt in Erinnerung bleibt – trotz der zweifellos einzigartigen Schönheit dieses –  sondern noch mehr die Hard- und Soft-Skills des Kunstglasbläsers, der das Team geführt hat, sowie eine aus meiner Sicht perfekte Zusammenarbeit aller fünf an dem Projekt beiteiligten Künstler.

Die glühende Glasmasse fast in direktem Kontakt mit den Händen

Rechts in dem Raum stand ein Glasbläserofen mit einer glühenden Glasmasse drinnen, die ein Teammitglied mithilfe von ca. 150 cm langem Blasrohr vorsichtig ab und zu schöpfte, das bearbeitende Objekt so kontinuierlich vergrößend. Die Ofentüre öffnete er mit dem Fuß, um einen Abstand zu halten sowie einfach freie Hände zu haben. Dann übergab er den riesiegen „Lutscher“ aus Glas dem Teamleiter, Peter.

Die glühende Glasmasse des „Lutschers“ beheizt mit einem Gasbrenner.
Die glühende Glasmasse des „Lutschers“ beheizt mit einem Gasbrenner.

Foto veröffentlicht dank der Genehmigung von Empire of Glass & Glasmuseum „Die gläserne Burg“.

Die weitere Reiehnfolge der Tätigkeiten war ein ständiger Wechsel zwischen einem Formieren des Objektes durchs Drehen, Pressen und Glätten etc. und erneutem Erhitzen im hinteren Ofen. Es zählten hier wortwörtlich Sekunden, da im Falle einer zu niedriegen Temperatur könnte das formierende Glas eine Strukturbeschädigung erleiden. Trotz der Tatsache, dass die glühende Glasmasse fast in direktem Kontakt mit den Händen Peters war, scheinte er – obwohl sehr konzentriert – gar nicht dadurch gestresst zu sein. Das Titelbild (ganz oben) hat gerade so einen Moment festgehalten, wo eine innere Ruhe und Selbstbeherrschung des Künstlers zu spüren sind. Auch bei den Teammitgliedern waren die Soft-Skills zu merken, was die Zusammenarbeit sicher erleichterte.

Der Oktopusarm gar nicht so leicht

Das Glasobjekt auf dem Blasrohr – immer noch in Form des „Lutschers“ – wuchs schnell, regelmäßig durch die Glasmasse aus dem ersten Offen gefüttert. Das Gewicht nahm zu und hat zu dem Zeitpunkt, also nach einer Stunde hartes Team-Work, schöne 20 kg erreicht. Der Oktopusarm – schon mit den ersten Tentakeln drauf – besuchte dann regelmäßig das Bräunungsgerät – hinteres Ofen. Keine einfache Aufgabe für den Peter, wenn man auch die Hebelwirkung des Blasrohres unter die Lupe nimmt.

Die Hebelwirkung des Blasrohres.
Die Hebelwirkung des Blasrohres.

Foto veröffentlicht dank der Genehmigung von Empire of Glass & Glasmuseum „Die gläserne Burg“.

Als besonders bemerkenswert fand ich bei der Produktionsphase die Leichtigkeit, mit der die Kunstglasbläser (Zwei Teammitglieder teilten jetzt die Aufgabe des Erhitzens.) mit dem so schweren, urheißen Glasobjekt umgingen, während des Kursierens zwischen dem Ofen und einem Arbeitstisch. Die Spitze des Oktopusarmes, dem Boden zugewandt beim Bewegen, berührte diesen fast. Hier würde nur ein leichter Schlag reichen und das Werk wäre zerstört.

Das große Finale

Nach 90 Minuten vorbildlicher Teamarbeit – in Praxis in Stille – war der Oktopusarm, klarerweise mit den Tentakeln, die parallel separat geblasen wurden, fertig. Ich gehe davon aus, dass das Projekt, wenn nicht einmal gemeinsam probiert, dann zumindest vorher in Detail besprochen wurde. Auf jeden Fall war es beieindruckend, wie fünf Künstler aus verschiedenen Ländern, auf einer relativ kleinen Fläche von ca. 50 m², so fließend und koordiniert alle Aufgaben erfüllten, bis zum vollen Erfolg.

Die Teamarbeit an einem „Oktopusarm“ aus Glas.
Die Teamarbeit an einem „Oktopusarm“ aus Glas.

Foto veröffentlicht dank der Genehmigung von Empire of Glass & Glasmuseum „Die gläserne Burg“.

Das geblasene Schaffen konnte zum Abschluß unbeschädigt in einem speziellen Schrank platziert werden, wo nach 24 Stunden des notwendigen, natürlichen Abkühlens noch eines zu feststellen bleibt: Ob das Glasobjekt beim Abkühlen nicht zerbrach, was leider manchmal passiert.

Der Besuch in der Glasbläserei des Kuchlerhauses hat sich für mich als sehr spannend erwiesen. In Erinnerung bleiben sicher einzigartige visuelle Erlebnisse, aber auch die Soft- und Hard-Skills der Kunstglasbläser, die mich auch etwas Wichtiges lehren: Wenn es brennt, bleibt ruhig und habe die Situation im Griff!


Fotos veröffentlicht dank der gnädigen Genehmigung von Empire of Glass & Glasmuseum „Die gläserne Burg“, 2483 Weigelsdorf, Pottendorfer Straße 24-28, www.empireofglass.at.